Qigong in den Wechseljahren – was die Forschung wirklich zeigt

Es ist kurz vor sechs, als Sabine die Wohnungstür hinter sich zuzieht. Der Tag lag noch schwer in ihr: ein Meeting, bei dem sie plötzlich rot anlief und nicht wusste, wohin mit sich, eine Nacht davor, die sie zum vierten Mal wach im Bett verbracht hatte, die Decke mal zu warm, mal zu kalt. Sie ist 51. Niemand hat ihr gesagt, dass es so kommen würde – diese Fremdheit im eigenen Körper, dieses Gefühl, als würde jemand heimlich an den Reglern drehen, während man selbst versucht, ganz normal weiterzumachen.

Auf dem Weg zum Kurs fragt sie sich, ob das hier – eine Stunde stilles Stehen, Atmen, langsame Bewegung – überhaupt etwas ausrichten kann gegen das, was sich in ihr abspielt.

Es ist eine berechtigte Frage. Und die Antwort ist überraschend konkret: In einer spanischen Studie mit 125 Frauen nach der Menopause zeigte sich nach nur zwölf Wochen Qigong ein deutlicher Unterschied – weniger Hitzewallungen, aber auch bessere Stimmung, mehr Energie, weniger Schmerzen. Eine frühere Studie fand sogar, dass sich der Schlaf messbar verbessert.

Aus Sicht der TCM befindet sich Sabine in einer Phase, in der Nieren- und Herz-Qi neu ausbalanciert werden wollen. Die Nieren gelten als Speicher der Lebensessenz, die mit den Jahren natürlicherweise abnimmt – und weil Nieren und Herz traditionell wie Wasser und Feuer zusammenwirken, das eine kühlt, das andere wärmt, kann dieses Gleichgewicht ins Wanken geraten: Das Herz-Feuer wird nicht mehr ausreichend heruntergekühlt. Die westliche Physiologie ergänzt das: Langsame Atmung und ruhige Bewegung aktivieren den Parasympathikus – jenen Teil des Nervensystems, der aus dem Alarmzustand herausführt, in dem sich viele Wechseljahresbeschwerden erst verschärfen.

Eine Stunde später steht Sabine wieder vor ihrer Tür. Nichts an ihrem Tag hat sich rückwirkend geändert. Aber die Schultern sind einen Zentimeter tiefer, der Atem geht bis in den Bauch – zum ersten Mal seit Tagen fühlt sie sich nicht wie eine Gegnerin ihres Körpers, sondern wie jemand, die mit ihm zusammenarbeitet.
Nadine, 44 – wenn der Körper keine Beschwerden meldet, aber trotzdem etwas fehlt
Nadine hat keine Hitzewallungen. Sie schläft, wenn auch selten genug, meist durch. Käme sie zum Frauenarzt, gäbe es nichts einzutragen. Und doch sitzt sie oft abends auf dem Sofa, nach einem Tag voller Termine, Elternabende, einem kranken Kollegen, für den sie eingesprungen ist, und merkt: Sie weiß gar nicht mehr, wonach ihr selbst gerade ist. Hunger? Müdigkeit? Traurigkeit? Sie hat es nicht mitbekommen, weil sie den ganzen Tag über woanders hingehört hat – zu den Kindern, zum Partner, zur Chefin, zur alternden Mutter am Telefon. Fremde Bedürfnisse zu erspüren, das kann sie im Schlaf. Die eigenen zu finden, fällt ihr zunehmend schwer.

Auch dafür gibt es einen Begriff in der Forschung: Interozeption – die Fähigkeit, innere Körpersignale wahrzunehmen und zu deuten. Eine aktuelle Meta-Analyse von 29 randomisierten Studien mit über 2.000 Teilnehmenden zeigt: Achtsamkeitsbasierte, körperzentrierte Praktiken verbessern diese Fähigkeit signifikant. Wer regelmäßig übt, wird nachweislich besser darin, die eigenen inneren Signale zu bemerken, statt an ihnen vorbeizulaufen. Verwandte Forschung zu Selbstobjektivierung – der erlernten Gewohnheit, sich selbst vor allem von außen, durch die Erwartungen anderer zu betrachten – findet einen ähnlichen Zusammenhang: Je stärker Frauen darin geübt sind, “nach innen zu hören”, desto weniger bestimmt der Blick von außen ihr Selbstbild.

Für Nadine bedeutet die langsame Bewegung im Qigong genau das: keine Beschwerde, die verschwinden soll, sondern ein Übungsraum, in dem einmal niemand etwas von ihr braucht. Die Form eines Brokat-Zugs zwingt sie nicht, schnell zu sein oder etwas zu leisten – sie lädt sie ein, langsam genug zu werden, um zu merken, wo im Körper gerade Spannung sitzt, wo Erschöpfung, wo, zur eigenen Überraschung, auch Freude. Mit der Zeit wird aus dieser einen Stunde pro Woche eine Art Übersetzungsarbeit: Sie lernt wieder, ihre eigene innere Sprache zu verstehen – dieselbe Sprache, die sie bei anderen mühelos liest.
Zwei Wege, ein Prinzip
Sabine kommt wegen Symptomen, die sich messen lassen. Nadine kommt, weil etwas Wesentliches leise geworden ist – ohne dass es einen Namen dafür in der Krankenakte gäbe. Beide finden im selben langsamen Üben etwas, das die Forschung auf unterschiedliche Weise bestätigt: Der Körper reguliert sich nicht symptomweise, sondern als Ganzes. Und manchmal ist die wichtigste Wirkung einer Übung nicht, dass sie etwas repariert – sondern dass sie einen wieder mit sich selbst bekannt macht.

Wenn du wissen möchtest, welche Übungen aus den Acht Brokaten und den Sechs Heilenden Lauten dabei helfen können, schau in unserem nächsten Kurs vorbei.

Quellen: Impact of Qigong exercises on the severity of the menopausal symptoms and health-related quality of life: A randomised controlled trial. European Journal of Sport Science, 2022. Yeh SC, Chang MY. The effect of Qigong on menopausal symptoms and quality of sleep for perimenopausal women. J Altern Complement Med. 2012;18:567–75. Minding the Body: A Meta-analysis of the Effects of Mindfulness Meditation Training on Self-reported Interoception. 2024. Body Conscious? Interoceptive Awareness, Measured by Heartbeat Perception, Is Negatively Correlated with Self-Objectification. PLOS ONE.

Hinweis zur Transparenz & Autor*innenschaft

Dieser Artikel wurde von Bianca Blesching, Gründerin von DancingQi, verfasst. Die Inhalte basieren auf langjähriger Praxiserfahrung, fundiertem Wissen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sowie aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich nutze KI als unterstützendes Werkzeug – nicht als Ersatz für Menschlichkeit, Empathie oder persönliche Integrität. Jeder Text entsteht aus meiner eigenen Praxis, wird von mir durchdacht, gefühlt und in Einklang mit den Werten von DancingQi gebracht.

Gesundheitlicher Hinweis & Haftungsausschluss

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose oder individuelle Gesundheitsberatung. Wenn du gesundheitliche Beschwerden hast oder dich in ärztlicher Behandlung befindest, konsultiere bitte eine medizinische Fachperson, bevor du Änderungen in deiner Selbstfürsorge oder Bewegungspraxis vornimmst.

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